Forum4Burgenland: 50 Jahre Volksgruppengesetz – Mehrsprachigkeit als Chance für junge Menschen
OBERWART – Die Jahrestagung des Forum4Burgenland stand heuer ganz im Zeichen von „50 Jahre Volksgruppengesetz“. Im Haus der Volksgruppen Burgenland in Oberwart diskutierten am Donnerstag Vertreterinnen und Vertreter aus Bildung, Wissenschaft und den burgenländischen Volksgruppenbeiräten, wie Burgenlandkroatisch, Ungarisch und Romani nachhaltig gestärkt werden können. Im Mittelpunkt standen auch die Ergebnisse der Jugendstudie „Lebenswelten 2025“.
Die Tagung beleuchtete die historische Entwicklung der Minderheitenpolitik, die Bedeutung von Mehrsprachigkeit und die Lebenswelten junger Menschen. Eingeladen waren Elementarpädagog:innen, Lehrer:innen, Studierende, Vertreter:innen der Volksgruppen sowie alle Interessierten, die sich mit kultureller Vielfalt und der Zukunft der autochthonen Volksgruppen beschäftigen.
Winkler: „Burgenlandkroatisch, Ungarisch und Romani lebendig halten“
Bildungslandesrätin Daniela Winkler betonte: „Die Vielfalt unserer autochthonen Volksgruppen prägt die burgenländische Identität seit Bestehen als eigenständiges Bundesland. 50 Jahre Volksgruppengesetz erinnern uns an die historische Verantwortung, diese Sprachen und Kulturen mit gegenseitiger Wertschätzung zu bewahren. Die Ergebnisse der Jugendstudie ‚Lebenswelten 2025‘ zeigen, dass das Bildungssystem dabei eine Schlüsselrolle einnimmt. Wir haben uns das gemeinsame Ziel gesetzt, Burgenlandkroatisch, Ungarisch und Romani in Schule und Alltag junger Menschen lebendig zu halten. Damit sichern wir ein bereicherndes Zusammenleben und Miteinander in unserem Bundesland für die kommenden Generationen.“
Auch Sabine Weisz, Rektorin der Privaten Pädagogischen Hochschule (PPH) Burgenland, sieht die Bildung in der Pflicht: „Die sprachliche und kulturelle Vielfalt des Burgenlandes ist ein wertvoller Bestandteil unserer gemeinsamen Geschichte und Gegenwart. Als Pädagogische Hochschule tragen wir Verantwortung dafür, die Sprachen und Kulturen der autochthonen Volksgruppen durch Bildungsangebote zu stärken und Mehrsprachigkeit als Bereicherung zu vermitteln.“
Rückblick auf 1976 und Botschaft der Ministerin
In seinem Impulsvortrag beleuchtete Historiker Gerhard Baumgartner die Vorgeschichte des Volksgruppengesetzes von 1976 im Zusammenhang mit der österreichischen Südtirolpolitik und dem Kärntner Ortstafelsturm. Er skizzierte die wesentlichen Veränderungen, die die neuen gesetzlichen Bestimmungen für die Minderheitenpolitik brachten, und zeigte auf, dass Beharrlichkeit, Zivilcourage und außenpolitische Überlegungen zur Verabschiedung des Gesetzes beitrugen, das bis heute vieles offenlässt.
Bundesministerin für Europa, Integration und Familie Claudia Bauer unterstrich in einer Videobotschaft die Bedeutung der Bildungsarbeit für den Erhalt der Volksgruppensprachen: „Eine Sprache überlebt nicht, weil sie in der Verfassung steht. Sie überlebt, weil Kinder und Jugendliche sie sprechen.“ Kinder sollten die Sprachen ihrer Großeltern nicht nur als kulturelles Erbe kennenlernen, sondern sie auch aktiv sprechen und im Alltag verwenden.

Volksgruppenbeiräte: „Einsprachigkeit ist heilbar“
Im anschließenden Austausch diskutierten die burgenländischen Volksgruppenbeiräte über aktuelle Herausforderungen und Perspektiven. Emmerich Gärtner-Horvath, Vorsitzender des Volksgruppenbeirats der Roma, hob die Bedeutung von Bildung für Chancengerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe hervor: „Trotz ihrer Anerkennung als Volksgruppe sind Roma in Österreich im Bildungsbereich weiterhin mit Benachteiligungen konfrontiert. Um Chancengerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern, sollten die Geschichte, Kultur, Sprachen und Lebensrealitäten der Roma stärker in Lehrplänen, Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien verankert werden. Dies stärkt die Identität junger Angehöriger der Volksgruppe, baut Vorurteile ab, wirkt Antiziganismus entgegen und macht die Vielfalt Österreichs sichtbar.“
Attila Somogyi, Vorsitzender des Volksgruppenbeirats für die ungarische Volksgruppe, forderte ein breiteres Sprachangebot: „Einsprachigkeit ist heilbar. Wir brauchen dazu bessere und mehr Angebote sowohl in der Schule als auch in der Erwachsenenbildung.“ Josef Buranits, Präsident des Kroatischen Kulturvereins im Burgenland, sprach sich für eine Überarbeitung des Volksgruppengesetzes aus: Ein 50 Jahre altes Gesetz sei nicht mehr zeitgemäß und bedürfe einer Novellierung.
Jugendstudie „Lebenswelten 2025“: Burgenland mit stärkerem Bewusstsein
Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Präsentation zentraler Ergebnisse der Jugendstudie „Lebenswelten 2025“ durch Jasmin Mersits-Linzer von der PPH Burgenland und Daniel Wutti von der Pädagogischen Hochschule Kärnten. Laut der mit über 15.000 Jugendlichen durchgeführten Studie leben 74 Prozent in einem mehrsprachigen Umfeld, 70 Prozent sehen andere Sprachen als Bereicherung und 77 Prozent wünschen sich mehrsprachige Kinder. Gleichzeitig gibt es einen großen Sprachverlust bei autochthonen und allochthonen (migrationsbedingten) Minderheitensprachen. Ein Drittel der befragten Jugendlichen kennt die sechs autochthonen Minderheiten nicht.
Die vorläufigen Ergebnisse für das Burgenland zeigen ein stärkeres Bewusstsein für die Volksgruppen: 80 Prozent der befragten Jugendlichen im Burgenland kennen die Minderheiten, gegenüber 64 Prozent in der Gesamtstudie. 53 Prozent berichten von persönlichem Kontakt, gegenüber 34 Prozent insgesamt. Die Einstellungen zu autochthonen Minderheitensprachen zeigen dennoch ein gemischtes Bild. Die Studie macht deutlich: Bildungseinrichtungen und Gesamtgesellschaft sind gefordert, die autochthonen Minderheiten, ihre Sprachen und die historisch gewachsene Vielfalt Österreichs stärker im Bildungsalltag und im öffentlichen Diskurs zu verankern.
Lehner: „Mehrsprachigkeit ist eine wertvolle Ressource“
Bildungsdirektor Alfred Lehner betonte in seinen abschließenden Worten: „Die sprachliche und kulturelle Diversität ist ein prägendes Merkmal des Burgenlandes. Mehrsprachigkeit ist eine wertvolle Ressource und ein wichtiger Bestandteil unserer Bildungslandschaft. Unsere Aufgabe im Bildungsbereich ist es, unsere Schülerinnen und Schüler dabei zu bestärken, sprachliche Vielfalt als Chance zu erkennen und die kulturellen Besonderheiten unserer Region wertzuschätzen.“
Moderiert wurde die Jahrestagung von Walter Reiss, Elizabeth Hausmann-Farkas und Marin Berlakovich. Für die musikalische Gestaltung sorgten der Schulchor der BAfEP Oberwart „VOX BAfEP“ und ein Ensemble der Zentralmusikschule (ZMS) Großwarasdorf.
Über das Forum4Burgenland
Das Forum4Burgenland ist ein Bildungsforum der Privaten Pädagogischen Hochschule Burgenland, der Bildungsdirektion Burgenland und der burgenländischen Volksgruppenbeiräte. Es wurde 2019 gegründet, um die autochthonen Minderheitensprachen Burgenlandkroatisch, Ungarisch und Burgenland-Romani stärker in der öffentlichen Wahrnehmung zu verankern und ihre Bedeutung im Bildungsbereich zu stärken.
Mehr zum Thema auf B24: 35 Jahre VHS der Burgenländischen Ungarn: Festakt in Oberwart · Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um Volksgruppen verliehen · Lehrlinge und Maturanten sollen im Burgenland künftig gemeinsam geehrt werden
Quelle: Landesmedienservice Burgenland / PPH Burgenland
Bildquelle: Büro LRin Winkler/Novak (Titelbild), PPH Burgenland (Podiumsdiskussion)
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